von
Khin Maung Yin, Berlin 2015.
Halte immer an
der Gegenwart fest. Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von
unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen
Ewigkeit, schrieb Johann Wolfgang von Goethe (1749 -
1832), deutscher Dichter.
„Beste Gesundheit,
viel Erfolg beim Studium und alles Gute, mein Neffe!“ Die
tränenerstickte Stimme meiner Tante Daw Dawn klingt immer noch in
meinen Ohren. Ihr Wunsch von damals und der Abschied bleiben ewig in
meiner Erinnerung.
Nur meine Tante und
meine Kusine Ma Ma Pu konnten mich am 24. September zum Flughafen
begleiten. Meine Eltern, meine Schwester und mein Bruder konnten
nicht mitkommen, da sie im Dorf in Zentralmyanmar, weit von Yangon,
wohnten oder an diesem Tag arbeiten mussten. Beim Abschied am
Flughafen kniete ich mich vor meiner Tante
nieder und verbeugte mich dreimal.
Danach
nahm ich meine Uhr, meinen goldenen Ring und die goldene Kette ab und
übergab sie ihr. Die Tante war überrascht und starrte mich an. Ich
flüsterte ihr leise ins Ohr, damit die Leute neben uns nicht
mithören konnten: „Tante, bitte übergeben Sie das meinen
Geschwistern. Ich brauche sie nicht. Ich habe hier 500 Dollar von
Ihnen. Ich habe auch das Stipendium. Im Gegensatz zur Lage in
Myanmar kann ich im Ausland alles neu beschaffen, was ich brauche“.
Die Tante hielt den Schmuck fest in der Hand und hatte Tränen in den
Augen. Bevor sie unkontrolliert zu weinen begann, beeilte ich mich,
zum Terminal zu gelangen. Mir flossen auch die Tränen. Vor dem Gate
drehte ich mich kurz zu ihr um und schenkte ihr nochmal ein Lächeln.
Sie winkte mir mit der linken Hand unaufhörlich zu, während sie
sich mit der rechten Hand ihre Tränen aus dem Gesicht wischte. Ich
sehe ihren Abschied noch immer vor meinen Augen.
Glück
ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich, so
Hermann Hesse(1877-1962), deutscher Dichter und Nobelpreisträger für
Literatur 1946.
Meine Tante wollte
mich nicht gehen lassen. Ich war auch traurig. Trotzdem hatte ich
mich für die Ausreise und für das Auslandsstudium entschieden. Als
ich Myanmar verließ, hatte ich mein 20. Lebensjahr noch nicht
vollendet. In den Augen meiner Tante war ich noch ein Junge,
höchstens ein Jugendlicher. Seit der
Machtübernahme des Militärs 1962 wurden die Hochschulen in Myanmar
wegen der Studentenproteste öfter geschlossen. Ich beschloss daher,
mich um ein Auslandsstudium zu bewerben. Meine Tante war
unverheiratet und besaß ein florierendes Lebensmittelgeschäft. Sie
liebte uns alle, ihre Neffen und Nichten. Während ich zum Gymnasium
ging, wohnte ich bei ihr. Sie pflegte mich wie ihren eigenen Sohn.
Sie half mir später auch finanziell beim Hochschulstudium, da meine
Eltern als Bauern wenig Geld zur Verfügung hatten. Ihr Geschenk von
500 Dollar war seiner Zeit viel wert in Myanmar. Die monatliche
Pension eines Schuldirektors lag damals umgerechnet bei einem US
Dollar. Ich spürte längst ihre wahre Liebe.
Sie liebte mich besonders, denn sie glaubte bei mir an die
Wiedergeburt ihres Vaters, der kurz vor meiner Geburt verstorben
war.Wiedergeburt ist unser buddhistischer Glaube. Sie war immer
überglücklich über meine Erfolge und zugleich stolz auf mich.
Eine
schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge, so
Thomas Mann (1875-1955), deutscher Schriftsteller und
Nobelpreisträger für Literatur 1949.
Um
als Stipendiat ausgewählt zu werden, mussten wir schriftliche und
mündliche Prüfungen beim Ministerium für Volksbildung und
Gesundheitswesen ablegen. Nach dem Bestehen der schriftlichen
Prüfung wurde ich von einem Prüfungsausschuss, bestehend aus dem
Unionsminister und 5 Hochschulprofessoren, befragt. Die Fragen der
Professoren konnte ich lückenlos beantworten. Anschließend fragte
mich der Minister Oberst Hla Han: „Waren Sie Mitglied des
inzwischen verbotenen Studentenverbands?“ Ich hatte nicht mit
dieser Frage gerechnet und war völlig perplex. Trotzdem musste ich
ihn antworten. Es wäre besser, die Wahrheit zu sagen. Ich überlegte
kurz und beantwortete die Frage zögernd mit der Halbwahrheit: „Ja,
ich war ein Vorstandsmitglied im Studentenverband und zuständig für
Sport und Kultur. Ich war nicht befugt, an den politischen
Aktivitäten des Verbands mitzuwirken.“ Der Minister stellte mir
eine zweite Frage: „Welchen Beruf haben Ihre Eltern?“ Ich hatte
gelesen, dass der Minister, Oberst Hla Han, der politischen Ideologie
der Burma Socialist Programm Party (BSPP) treu war und die Kinder der
Arbeiter und Bauer fördern wollte. Diesmal antwortete ich ohne zu
zögern: „Meine Eltern sind Bauer und leben in Zentralmyanmar.“
Der Oberst nickte und sagte zu mir: „Sie bekommen in ca. 3-4 Wochen
unseren Bescheid. Jetzt dürfen Sie uns verlassen.“ Nach dem
Interview war ich erschöpft und fuhr gleich nach Hause. Unterwegs
erinnerte ich mich auf ein belastendes Ereignis vom 7. Juli.
Es bereitete mir Sorgen bezüglich meines Auslandsstudiums.
Das Ereignis geschah am 7. Juli 1964, dem 2. Jahrestag der
Studentenproteste, wo hunderte Studenten erschossen wurden. Das
Rangun Institute of Technology (R.I.T) und das Medical College waren
weiterhin geöffnet. Anfang Juli 1964 kam ich mit drei Kollegen in
der Kantine der R.I.T zum Mittagsessen zusammen. Beim Essen sagte ein
Freund, dass sich in der nächsten Woche wieder der Jahrestag der
Studentenproteste, der 7. Juli, jähre. Ich fügte leise hinzu:
„Kollegen! Ich entging damals knapp dem Tod. Ich kann euch meine
wahre Geschichte erzählen… Als Vorstandsmitglied der Yangon
Universität-Studentenunion bekam ich die Ordnerfunktion bei der
Studentendemonstration zugeteilt. Wir passten auf, dass keine Gewalt
zwischen den friedlichen Demonstranten und den am Haupteingangstor
postierten Soldaten ausbrach. Die Studenten wollten die Yangon
Universität solange besetzen, bis ihre Forderungen erfüllt wurden.
Wir, die Ordner, wechselten uns alle 5 Stunden – so lang war eine
Schicht - ab. Die Demonstration verlief friedlich. Unmittelbar nach
meiner Wachablösung verließ ich das Uni-Gelände, um kurz meine
Tante anzurufen. Viele Eltern wussten, dass das Militär keine Gnade
kennt und jeden Widerstand mit Gewalt zur Auflösung brachte, egal ob
sich diese Gewalt gegen Studenten oder Mönche richten musste. Ich
versuchte, die Sorgen meiner Tante und meiner Eltern zu mindern. Beim
Gespräch beruhigte ich sie: „Tante, mir geht´s gut. Die
Studentenproteste verlaufen friedlich. Zurzeit sind in der Uni alle
Strom- und Telefonleitungen abgestellt. Vielleicht ist morgen aber
schon alles vorbei. Sorgt euch nicht um mich!“ Nach dem kurzen
Gespräch ging ich etwas essen und traf dort einen Kommilitonen. Er
bat mich, ihn zum Treffen mit seinem Vater zu begleiten, der aus
Sorge um ihn nach Yangon kam. Wir waren ca. 3 Stunden weg. Als wir
aus der Stadt zurückkamen, kamen wir nicht mehr ins Studenten-Hostel
hinein. Die Universität war mit Soldaten besetzt. Die Demonstration
wurde blutig niedergeschlagen. Die Soldaten schossen in die
versammelten Studenten, Hunderte starben dabei. Ihre Leichen wurden
umgehend vom Militär beseitigt. Alle Eingänge und Ausgänge wurden
von den schwer bewaffneten Soldaten streng überwacht. Ich hatte
damals im Studenten-Hostel Mandalay, im Zentrum der Yangon
Universität, gewohnt. Gegen Vorlage meines Studentenausweises konnte
ich meine Sachen aus dem Hostel holen. Die Luft stank nach Blut.
Überall auf den Gehwegen, Mauern, Wänden, sahen wir Blutflecken,
wie in Horrorfilmen.
Ich
atmete einmal tief und kräftig durch und sagte: „Unsere
Kollegen sind für gutes Handeln gestorben. Wir müssen uns durch
unsere Werte mit ihnen verbinden“.
Alle waren still.
Dann kamen wir auf die Idee, am 2. Jahrestag, den 7. Juli 1964, etwas
zum Gedenken der vor 2 Jahren gestorbenen Studenten zu unternehmen
und formierten uns zum Aktionsbündnis. Unser erster Vorschlag war
es, Flugblätter zum Gedenken am 7. Juli zu verteilen. Der zweite
Vorschlag lautete, in der Nacht zum 7. Juli eine schwarze Trauerfahne
auf dem Dach eines Gebäudes des R.I.T zu hissen. Um die Gefahr einer
möglichen Verhaftung zu entgehen, entschieden wir uns für den
zweiten Vorschlag, also für eine Aktion in der Nacht. Einen Tag
später suchten wir auf dem Bo Gyoke Markt einen weißen Stoff. Wir
kauften weißen Stoff, da anderenfalls die Agenten der Military
Intelligence (M.I.) uns mit dem Hissen der geplanten schwarzen Fahne
in Verbindung bringen konnten. Wir wussten, dass vor dem Jahrestag im
Juli die M.I.-Agenten über die ganze Stadt verteilt patrouillierten,
um eventuelle Aktivitäten der Studenten zu entdecken. In der Nacht
färbten wir den Stoff Schwarz. In der Nacht zum 7. Juli warteten wir
bis spätnachts. Als die Aufpasser ins Bett gingen, zogen wir die
schwarze Trauerfahne auf dem Dach des Hauptgebäudes vom R.I.T hoch.
Keiner hatte uns gesehen.
Die
Fahne wehte die ganze Nacht über. Früh am nächsten Morgen
entdeckten die Frühaufsteher unter den Studenten die wehende Fahne
auf dem Dach. Einer schrie mit Begeisterung: „Da ist eine schwarze
Fahne auf dem Dach, auf dem Dach, seht!“ Und die anderen gaben die
Nachricht weiter. Die Nachricht hatte sich rapide im ganzen R.I.T.
verbreitet. Viele rannten aus dem Gebäude heraus und sammelten sich
neugierig im Hof unter dem Schatten der wehenden schwarzen Fahne.
Einige applaudierten solidarisch, während sich andere in großem
Mitgefühl vor der Fahne verbeugten. Mehrere hundert Studenten
formierten sich spontan zu einer Gedenkfeier des 7. Juli. Wir waren
so erfreut und stolz auf uns. Der Heimleiter, der Uni-Dozent war,
erschien aufgeregt unter den Studenten und bat darum, die Versammlung
aufzulösen. Wir beobachteten heimlich die Lage, die langsam prekär
und kritisch wurde. „Weg hier, raus aus dem R.I.T.!“, schrie
einer von uns. Sofort hatten wir uns auf die Beine gemacht. Der
Heimleiter benachrichtigte die Polizei und den M.I. Sie hatten
überall vergeblich die Stifter gesucht, doch wir waren in
Sicherheit, längst weit vom R.I.T. entfernt. Wir waren jung
und stellten uns gegen die Herrschaft der Militärregierung. Wir
waren gewaltlose friedliche Stifter. Seit dem 7. Juli 1962 gingen
auch hunderte Studenten in den Untergrund, um am bewaffneten Kampf
gegen die Militärregierung teilzunehmen. Einige riefen nach der
Revolution gegen die Militär.
Der
deutscher Schriftsteller Theodor Fontane (1819-1898) sagte: „Wer
mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch
ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand.“
Unsere Bündnisaktion blieb in meiner Erinnerung. Viele Jahre später
traf ich im Ausland den Dozent, der in jener Nacht Wachdienst im
Gebäude des R.I.T. hatte. Ich kannte ihn noch von damals. Ich sagte,
dass wir es waren, die am 7. Juli 1964 die schwarze Fahne hissten. Er
war überrascht und erzählte: „Eure Aktion hatte schlimme Folgen
für uns, besonders für mich. Der Bezirkspolizeichef kam persönlich
mit 20 Polizisten zur Durchsuchung unserer Räumlichkeiten. Eine
halbe Stunde später kam die M.I. mit drei Lastwagen voller
Elitesoldaten, bis zu den Zähnen bewaffnet. Sie hatten uns und das
R.I.T.-Gelände umstellt. Keiner von uns durfte das Gelände
verlassen, unsere Personalien wurden aufgenommen. Sie hatten im
ganzen Gebäude nach den Stiftern und nach den Beweismitteln gesucht
und sämtliche Schränke und Schreibtische durchwühlt. Ihr hattet
große Gefahr auf euch genommen. Wenn Ihr erwischt worden wäret,
hättet ihr für mehrere Jahre im Gefängnis sitzen müssen oder
wäret im mildesten Fall auf Dauer aus der Universität
ausgeschlossen worden. Der Student, der damals den Schrei „Fahne
auf dem Dach“ ausgelöst hatte, wurde festgenommen und verhört. Zu
seinem Glück war sein Vater ein höherer Funktionär in der
regierenden Partei BSPP. Er hat ihn vor der Verhaftung bewahrt. Du
hattest dein Auslandsstudium aufs Spiel gesetzt. Ich war eigentlich
das wahre Opfer eurer Aktion. Der M.I.-Chef war wütend und
beantragte ein Disziplinarverfahren gegen mich. Ich wurde verhört
und angeschuldigt, dass ich eure Aktion zugelassen habe. Tatsächlich
hatte ich in jener Nacht meine Pflicht verletzt. Deswegen wurde die
Strafe des Ausreiseverbots über mich verhängt und ich durfte das
Land jahrelang nicht verlassen. Zum Glück wurde mir kein
Berufsverbot erteilt. Aber, das ist Schnee von gestern. Ich nehme
euch das nicht übel. Ihr wolltet euch mit den ermordeten Studenten
solidarisieren. Ich habe vollstes Verständnis. Vergessen wir das
alles.“Trotzdem hatte ich mich für den Vorfall entschuldigt und
sprach ihm mein aufrichtiges Bedauern aus.
Die M.I.-Agenten
waren nicht auf unsere Spur gekommen. Schließlich hatte mir das
Ministerium mitgeteilt, dass ich als Stipendiaten ausgewählt wurde. Einen Tag vor meinem Abflug lud ich meine Freunde vom Aktionsbündnis zu einer Abschiedsfeier ein.Beim Treffen bat ich um ihr Verständnis für meine Entscheidung. Alle hatten zustimmend genickt. Zu meiner Bewunderung hatte sie sich viel über mich und unser Land Gedanken gemacht. Ich freute mich sehr darüber. Sie gaben mir jetzt viele Ideen mit auf den Weg. Beim Abschied wünschten sie mir vielen Erfolg und alles Gute.
Der
2. Juli und der Abflugtag, der 24. Sept. 1964, haben mich ein Leben
lang geprägt und meine Laufbahn bestimmt.
