Samstag, 3. Oktober 2015

24. September 1964 -Yangoner Mingalardon Flughafen -
von Khin Maung Yin, Berlin 2015.

Halte immer an der Gegenwart fest. Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von unendlichem Wert, denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit, schrieb Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832), deutscher Dichter.

„Beste Gesundheit, viel Erfolg beim Studium und alles Gute, mein Neffe!“ Die tränenerstickte Stimme meiner Tante Daw Dawn klingt immer noch in meinen Ohren. Ihr Wunsch von damals und der Abschied bleiben ewig in meiner Erinnerung.
Nur meine Tante und meine Kusine Ma Ma Pu konnten mich am 24. September zum Flughafen begleiten. Meine Eltern, meine Schwester und mein Bruder konnten nicht mitkommen, da sie im Dorf in Zentralmyanmar, weit von Yangon, wohnten oder an diesem Tag arbeiten mussten. Beim Abschied am Flughafen kniete ich mich vor meiner Tante nieder und verbeugte mich dreimal.
Danach nahm ich meine Uhr, meinen goldenen Ring und die goldene Kette ab und übergab sie ihr. Die Tante war überrascht und starrte mich an. Ich flüsterte ihr leise ins Ohr, damit die Leute neben uns nicht mithören konnten: „Tante, bitte übergeben Sie das meinen Geschwistern. Ich brauche sie nicht. Ich habe hier 500 Dollar von Ihnen. Ich habe auch das Stipendium. Im Gegensatz zur Lage in Myanmar kann ich im Ausland alles neu beschaffen, was ich brauche“. Die Tante hielt den Schmuck fest in der Hand und hatte Tränen in den Augen. Bevor sie unkontrolliert zu weinen begann, beeilte ich mich, zum Terminal zu gelangen. Mir flossen auch die Tränen. Vor dem Gate drehte ich mich kurz zu ihr um und schenkte ihr nochmal ein Lächeln. Sie winkte mir mit der linken Hand unaufhörlich zu, während sie sich mit der rechten Hand ihre Tränen aus dem Gesicht wischte. Ich sehe ihren Abschied noch immer vor meinen Augen.
Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich, so Hermann Hesse(1877-1962), deutscher Dichter und Nobelpreisträger für Literatur 1946.
Meine Tante wollte mich nicht gehen lassen. Ich war auch traurig. Trotzdem hatte ich mich für die Ausreise und für das Auslandsstudium entschieden. Als ich Myanmar verließ, hatte ich mein 20. Lebensjahr noch nicht vollendet. In den Augen meiner Tante war ich noch ein Junge, höchstens ein Jugendlicher. Seit der Machtübernahme des Militärs 1962 wurden die Hochschulen in Myanmar wegen der Studentenproteste öfter geschlossen. Ich beschloss daher, mich um ein Auslandsstudium zu bewerben. Meine Tante war unverheiratet und besaß ein florierendes Lebensmittelgeschäft. Sie liebte uns alle, ihre Neffen und Nichten. Während ich zum Gymnasium ging, wohnte ich bei ihr. Sie pflegte mich wie ihren eigenen Sohn. Sie half mir später auch finanziell beim Hochschulstudium, da meine Eltern als Bauern wenig Geld zur Verfügung hatten. Ihr Geschenk von 500 Dollar war seiner Zeit viel wert in Myanmar. Die monatliche Pension eines Schuldirektors lag damals umgerechnet bei einem US Dollar. Ich spürte längst ihre wahre Liebe. Sie liebte mich besonders, denn sie glaubte bei mir an die Wiedergeburt ihres Vaters, der kurz vor meiner Geburt verstorben war.Wiedergeburt ist unser buddhistischer Glaube. Sie war immer überglücklich über meine Erfolge und zugleich stolz auf mich.
Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als eine Lüge, so Thomas Mann (1875-1955), deutscher Schriftsteller und Nobelpreisträger für Literatur 1949.
 
Um als Stipendiat ausgewählt zu werden, mussten wir schriftliche und mündliche Prüfungen beim Ministerium für Volksbildung und Gesundheitswesen ablegen. Nach dem Bestehen der schriftlichen Prüfung wurde ich von einem Prüfungsausschuss, bestehend aus dem Unionsminister und 5 Hochschulprofessoren, befragt. Die Fragen der Professoren konnte ich lückenlos beantworten. Anschließend fragte mich der Minister Oberst Hla Han: „Waren Sie Mitglied des inzwischen verbotenen Studentenverbands?“ Ich hatte nicht mit dieser Frage gerechnet und war völlig perplex. Trotzdem musste ich ihn antworten. Es wäre besser, die Wahrheit zu sagen. Ich überlegte kurz und beantwortete die Frage zögernd mit der Halbwahrheit: „Ja, ich war ein Vorstandsmitglied im Studentenverband und zuständig für Sport und Kultur. Ich war nicht befugt, an den politischen Aktivitäten des Verbands mitzuwirken.“ Der Minister stellte mir eine zweite Frage: „Welchen Beruf haben Ihre Eltern?“ Ich hatte gelesen, dass der Minister, Oberst Hla Han, der politischen Ideologie der Burma Socialist Programm Party (BSPP) treu war und die Kinder der Arbeiter und Bauer fördern wollte. Diesmal antwortete ich ohne zu zögern: „Meine Eltern sind Bauer und leben in Zentralmyanmar.“ Der Oberst nickte und sagte zu mir: „Sie bekommen in ca. 3-4 Wochen unseren Bescheid. Jetzt dürfen Sie uns verlassen.“ Nach dem Interview war ich erschöpft und fuhr gleich nach Hause. Unterwegs erinnerte ich mich auf ein belastendes Ereignis vom 7. Juli. Es bereitete mir Sorgen bezüglich meines Auslandsstudiums.

Das Ereignis geschah am 7. Juli 1964, dem 2. Jahrestag der Studentenproteste, wo hunderte Studenten erschossen wurden. Das Rangun Institute of Technology (R.I.T) und das Medical College waren weiterhin geöffnet. Anfang Juli 1964 kam ich mit drei Kollegen in der Kantine der R.I.T zum Mittagsessen zusammen. Beim Essen sagte ein Freund, dass sich in der nächsten Woche wieder der Jahrestag der Studentenproteste, der 7. Juli, jähre. Ich fügte leise hinzu: „Kollegen! Ich entging damals knapp dem Tod. Ich kann euch meine wahre Geschichte erzählen… Als Vorstandsmitglied der Yangon Universität-Studentenunion bekam ich die Ordnerfunktion bei der Studentendemonstration zugeteilt. Wir passten auf, dass keine Gewalt zwischen den friedlichen Demonstranten und den am Haupteingangstor postierten Soldaten ausbrach. Die Studenten wollten die Yangon Universität solange besetzen, bis ihre Forderungen erfüllt wurden. Wir, die Ordner, wechselten uns alle 5 Stunden – so lang war eine Schicht - ab. Die Demonstration verlief friedlich. Unmittelbar nach meiner Wachablösung verließ ich das Uni-Gelände, um kurz meine Tante anzurufen. Viele Eltern wussten, dass das Militär keine Gnade kennt und jeden Widerstand mit Gewalt zur Auflösung brachte, egal ob sich diese Gewalt gegen Studenten oder Mönche richten musste. Ich versuchte, die Sorgen meiner Tante und meiner Eltern zu mindern. Beim Gespräch beruhigte ich sie: „Tante, mir geht´s gut. Die Studentenproteste verlaufen friedlich. Zurzeit sind in der Uni alle Strom- und Telefonleitungen abgestellt. Vielleicht ist morgen aber schon alles vorbei. Sorgt euch nicht um mich!“ Nach dem kurzen Gespräch ging ich etwas essen und traf dort einen Kommilitonen. Er bat mich, ihn zum Treffen mit seinem Vater zu begleiten, der aus Sorge um ihn nach Yangon kam. Wir waren ca. 3 Stunden weg. Als wir aus der Stadt zurückkamen, kamen wir nicht mehr ins Studenten-Hostel hinein. Die Universität war mit Soldaten besetzt. Die Demonstration wurde blutig niedergeschlagen. Die Soldaten schossen in die versammelten Studenten, Hunderte starben dabei. Ihre Leichen wurden umgehend vom Militär beseitigt. Alle Eingänge und Ausgänge wurden von den schwer bewaffneten Soldaten streng überwacht. Ich hatte damals im Studenten-Hostel Mandalay, im Zentrum der Yangon Universität, gewohnt. Gegen Vorlage meines Studentenausweises konnte ich meine Sachen aus dem Hostel holen. Die Luft stank nach Blut. Überall auf den Gehwegen, Mauern, Wänden, sahen wir Blutflecken, wie in Horrorfilmen.
Ich atmete einmal tief und kräftig durch und sagte:Unsere Kollegen sind für gutes Handeln gestorben. Wir müssen uns durch unsere Werte mit ihnen verbinden“.
Alle waren still. Dann kamen wir auf die Idee, am 2. Jahrestag, den 7. Juli 1964, etwas zum Gedenken der vor 2 Jahren gestorbenen Studenten zu unternehmen und formierten uns zum Aktionsbündnis. Unser erster Vorschlag war es, Flugblätter zum Gedenken am 7. Juli zu verteilen. Der zweite Vorschlag lautete, in der Nacht zum 7. Juli eine schwarze Trauerfahne auf dem Dach eines Gebäudes des R.I.T zu hissen. Um die Gefahr einer möglichen Verhaftung zu entgehen, entschieden wir uns für den zweiten Vorschlag, also für eine Aktion in der Nacht. Einen Tag später suchten wir auf dem Bo Gyoke Markt einen weißen Stoff. Wir kauften weißen Stoff, da anderenfalls die Agenten der Military Intelligence (M.I.) uns mit dem Hissen der geplanten schwarzen Fahne in Verbindung bringen konnten. Wir wussten, dass vor dem Jahrestag im Juli die M.I.-Agenten über die ganze Stadt verteilt patrouillierten, um eventuelle Aktivitäten der Studenten zu entdecken. In der Nacht färbten wir den Stoff Schwarz. In der Nacht zum 7. Juli warteten wir bis spätnachts. Als die Aufpasser ins Bett gingen, zogen wir die schwarze Trauerfahne auf dem Dach des Hauptgebäudes vom R.I.T hoch. Keiner hatte uns gesehen.
Die Fahne wehte die ganze Nacht über. Früh am nächsten Morgen entdeckten die Frühaufsteher unter den Studenten die wehende Fahne auf dem Dach. Einer schrie mit Begeisterung: „Da ist eine schwarze Fahne auf dem Dach, auf dem Dach, seht!“ Und die anderen gaben die Nachricht weiter. Die Nachricht hatte sich rapide im ganzen R.I.T. verbreitet. Viele rannten aus dem Gebäude heraus und sammelten sich neugierig im Hof unter dem Schatten der wehenden schwarzen Fahne. Einige applaudierten solidarisch, während sich andere in großem Mitgefühl vor der Fahne verbeugten. Mehrere hundert Studenten formierten sich spontan zu einer Gedenkfeier des 7. Juli. Wir waren so erfreut und stolz auf uns. Der Heimleiter, der Uni-Dozent war, erschien aufgeregt unter den Studenten und bat darum, die Versammlung aufzulösen. Wir beobachteten heimlich die Lage, die langsam prekär und kritisch wurde. „Weg hier, raus aus dem R.I.T.!“, schrie einer von uns. Sofort hatten wir uns auf die Beine gemacht. Der Heimleiter benachrichtigte die Polizei und den M.I. Sie hatten überall vergeblich die Stifter gesucht, doch wir waren in Sicherheit, längst weit vom R.I.T. entfernt. Wir waren jung und stellten uns gegen die Herrschaft der Militärregierung. Wir waren gewaltlose friedliche Stifter. Seit dem 7. Juli 1962 gingen auch hunderte Studenten in den Untergrund, um am bewaffneten Kampf gegen die Militärregierung teilzunehmen. Einige riefen nach der Revolution gegen die Militär.
Der deutscher Schriftsteller Theodor Fontane (1819-1898) sagte: „Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand.“


Unsere Bündnisaktion blieb in meiner Erinnerung. Viele Jahre später traf ich im Ausland den Dozent, der in jener Nacht Wachdienst im Gebäude des R.I.T. hatte. Ich kannte ihn noch von damals. Ich sagte, dass wir es waren, die am 7. Juli 1964 die schwarze Fahne hissten. Er war überrascht und erzählte: „Eure Aktion hatte schlimme Folgen für uns, besonders für mich. Der Bezirkspolizeichef kam persönlich mit 20 Polizisten zur Durchsuchung unserer Räumlichkeiten. Eine halbe Stunde später kam die M.I. mit drei Lastwagen voller Elitesoldaten, bis zu den Zähnen bewaffnet. Sie hatten uns und das R.I.T.-Gelände umstellt. Keiner von uns durfte das Gelände verlassen, unsere Personalien wurden aufgenommen. Sie hatten im ganzen Gebäude nach den Stiftern und nach den Beweismitteln gesucht und sämtliche Schränke und Schreibtische durchwühlt. Ihr hattet große Gefahr auf euch genommen. Wenn Ihr erwischt worden wäret, hättet ihr für mehrere Jahre im Gefängnis sitzen müssen oder wäret im mildesten Fall auf Dauer aus der Universität ausgeschlossen worden. Der Student, der damals den Schrei „Fahne auf dem Dach“ ausgelöst hatte, wurde festgenommen und verhört. Zu seinem Glück war sein Vater ein höherer Funktionär in der regierenden Partei BSPP. Er hat ihn vor der Verhaftung bewahrt. Du hattest dein Auslandsstudium aufs Spiel gesetzt. Ich war eigentlich das wahre Opfer eurer Aktion. Der M.I.-Chef war wütend und beantragte ein Disziplinarverfahren gegen mich. Ich wurde verhört und angeschuldigt, dass ich eure Aktion zugelassen habe. Tatsächlich hatte ich in jener Nacht meine Pflicht verletzt. Deswegen wurde die Strafe des Ausreiseverbots über mich verhängt und ich durfte das Land jahrelang nicht verlassen. Zum Glück wurde mir kein Berufsverbot erteilt. Aber, das ist Schnee von gestern. Ich nehme euch das nicht übel. Ihr wolltet euch mit den ermordeten Studenten solidarisieren. Ich habe vollstes Verständnis. Vergessen wir das alles.“Trotzdem hatte ich mich für den Vorfall entschuldigt und sprach ihm mein aufrichtiges Bedauern aus.
Die M.I.-Agenten waren nicht auf unsere Spur gekommen. Schließlich hatte mir das Ministerium mitgeteilt, dass ich als Stipendiaten ausgewählt wurde. Einen Tag vor meinem Abflug lud ich meine Freunde vom Aktionsbündnis zu einer Abschiedsfeier ein.Beim Treffen bat ich um ihr Verständnis für meine Entscheidung. Alle hatten zustimmend genickt. Zu meiner Bewunderung hatte sie sich viel über mich und unser Land Gedanken gemacht. Ich freute mich sehr darüber. Sie gaben mir jetzt viele Ideen mit auf den Weg. Beim Abschied wünschten sie mir vielen Erfolg und alles Gute. 
 
Der 2. Juli und der Abflugtag, der 24. Sept. 1964, haben mich ein Leben lang geprägt und meine Laufbahn bestimmt.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen