Abschiedsfeier und Auflösung des
Bündnisses
„Hier
stehe ich, ich kann nicht anders...“, schrieb
Martin Luther (1483-1546), deutscher Priester, Theologieprofessor und
Reformator.
Anfang
August 1964 hatte mir das Ministerium mitgeteilt, dass ich als einer
der Stipendiaten, die nach Europa gehen würden, ausgewählt wurde.
Ich fühlte mich über die doch eigentlich erfreuliche Nachricht nicht so euphorisch, wie ich zuvor gedacht hatte. Nach dem Interview im Ministerium im Juli war ich für viele Tage unruhig, denn da ich mich für das Auslandsstudium entschied, musste ich nicht nur meine Eltern, Tante und Geschwistern, sondern auch meine Kollegen und Kommilitonen des Bündnisses verlassen. Das bedeutete die Auflösung unseres Bündnisses. Wir waren zu sechst im Bündnis und gemeinsam in der Yangon Studentenunion aktiv. Jahrelang hatten wir gemeinsam vieles unternommen. Nach dem Ereignis vom 2. Juli 1962 wurden zwei von uns von der Universität ausgeschlossen. Einer der beiden war Philosophiestudent und der zweite hatte fernöstliche Geschichte studiert. Ich und mein Kollege vom Yangon Institute of Technologie (R.I.T.) waren für Naturwissenschaftsfächer eingeschrieben und konnten noch weiter studieren. Mit unseren anderen zwei Kollegen konnten wir keinen Kontakt herstellen. Sie waren entweder erschossen worden oder in den bewaffneten Untergrund gegangen. Ich erfuhr einige Zeit nichts Genaues über ihr Schicksal.
Ich fühlte mich über die doch eigentlich erfreuliche Nachricht nicht so euphorisch, wie ich zuvor gedacht hatte. Nach dem Interview im Ministerium im Juli war ich für viele Tage unruhig, denn da ich mich für das Auslandsstudium entschied, musste ich nicht nur meine Eltern, Tante und Geschwistern, sondern auch meine Kollegen und Kommilitonen des Bündnisses verlassen. Das bedeutete die Auflösung unseres Bündnisses. Wir waren zu sechst im Bündnis und gemeinsam in der Yangon Studentenunion aktiv. Jahrelang hatten wir gemeinsam vieles unternommen. Nach dem Ereignis vom 2. Juli 1962 wurden zwei von uns von der Universität ausgeschlossen. Einer der beiden war Philosophiestudent und der zweite hatte fernöstliche Geschichte studiert. Ich und mein Kollege vom Yangon Institute of Technologie (R.I.T.) waren für Naturwissenschaftsfächer eingeschrieben und konnten noch weiter studieren. Mit unseren anderen zwei Kollegen konnten wir keinen Kontakt herstellen. Sie waren entweder erschossen worden oder in den bewaffneten Untergrund gegangen. Ich erfuhr einige Zeit nichts Genaues über ihr Schicksal.
Unsere
Bekanntschaft fing 1961 an, als ich in der Yangon Uni eingeschrieben
wurde. Es war für mich die schönste Zeit meines Studentenlebens in
Myanmar, geflügelt von der Meinungs-, Rede- sowie
Versammlungsfreiheit. Die nach der Unabhängigkeit erstmals
demokratisch gewählte Regierung von Premier U Nu war noch an der
Macht. Unter seiner Regierung verwandelte sich das Land zu einer
blühenden Wirtschaft und wurde zur „Reiskammer“ Asiens. Es gab
keine Hungersnöte, kein Demonstrationsverbot und keine Pressezensur.
Die Bürger genossen Freiheit und demokratische Rechte. Wir, die
Studenten, durften alle Literatur lesen, unsere freie Meinung äußern
und jede Kritik an Politik sowie Regierung frei artikulieren.
Die
Yangon Universität bildete bekanntlich hervorragenden Politiker und
Persönlichkeiten aus, wie den Nationalhelden General
Aung San, den Premierminister U Nu (Amtszeiten 1948-56, 1957-58 und
1960-1962) und den Premierminister U Ba Swe (Amtszeit 1956-57).
Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen U Thant aus Myanmar
(Amtszeit 1961-1971) war Absolvent der Uni. 1945 schlossen sie alle
sich der Befreiungsbewegung unter General Aung San gegen die
japanische Besatzung an. Die Yangon Universität genoss daher einen
guten Ruf unter der intellektuellen Elite des Landes. Ich war stolz,
dort zu studieren.
Ich
verbrachte anfänglich viel Zeit mit Lesen in der Uni-Bibliothek und
mit Bodybuilding im Fitnessstudio der Universität, weil ich als
Student im ersten Semester nicht so viele Freunde hatte. Die
Uni-Bibliothek war vollgefüllt, mit Weltliteratur und Literatur aus
Myanmar sowie mit Geschichtsbüchern. Die Kollegen des später mit
mir geformten Bündnisses waren bereits in höheren Semestern und
etwa 4-5 Jahre älter als ich. Sie saßen oft in der Bibliothek und
begrüßten mich immer herzlich, wenn sie mich sahen. Einer von ihnen
kam auch regelmäßig zum Sport und fragte mich eines Tages, ob ich
Interesse hätte, bei der Uni Studentenunion
als Obmann für Sport und Kultur mitzuarbeiten. Ich sagte sofort zu,
ohne zu wissen, was die Union treibt und von mir erwartet. Später
erfuhr ich, dass unsere Vorbilder wie der Nationalheld General Aung
San, der Premierminister U Nu, der Premierminister U Ba Swe auch die
Vorstandsmitglieder der Yangon Universität Studentenunion(the
Rangoon University Students Union (RUSU)) waren.
Bei der nächsten Jahresversammlung wurde ich als Obmann
gewählt. Seither trafen wir regelmäßig zusammen. Ich war stolz
dort mitzuarbeiten. Wir nahmen gemeinsam an politischen Schulungen
teil und diskutieren über Frieden und Krieg, denn seit 1948
herrschte Bürgerkrieg im Land und wir suchten eine mögliche Lösung.
Wir studierten die
Französische Revolution und erkannten die Parole „Freiheit,
Gleichheit, Brüderlichkeit“ als eine der zahlreichen Losungen.
„Freiheit, Gleichheit, und Brüderlichkeit“( Liberté,
Égalité, Fraternité)
ist der Wahlspruch der heutigen Republik. Er fußt auf den Losungen
der Französische Revolution 1789. Wir lasen Werke über den ersten
und zweiten Weltkrieg, die Biographien weltbekannter Politiker wie
Winston Churchill, Charles de Gaulle, Abraham Lincoln, sowie die
Biographien von Revolutionären der Modernen Geschichte wie Lenin,
Mao Zedong, Hồ Chí Minh, Fidel Castro und Che Guevara. Die Union
orientierte sich traditionell politisch links. Wir waren begeistert
von dem Kampf, in dem Fidel Castro und Che Guevara 1959 den
kubanischen Diktator Batista
gesiegt hatten. Auch über den Langen
Marsch von Mao
1934/35 wurden Abhandlungen vorgelesen. Wir studierten den Widerstand
der Viet Minh unter Führung Ho Chi Minhs gegen japanische Faschisten
und französische Kolonisten. Einen China-kritischen Spruch von Ho
habe ich noch immer in meinem Gedächtnis: „Was
mich angeht, ziehe ich es vor, fünf Jahre französischen Mist zu
riechen, als für den Rest meines Lebens chinesischen zu essen.“ Zu
seiner Zeit waren die Nationalchinesischen
Truppen – wie im Kairoer Treffen der Alliierten 1943 vereinbart –
nach dem Rückzug Japans in den Norden des Landes vorgedrungen, um
die Japaner zu entwaffnen, und bedrohten dabei die Position der Viet
Minh. Um einen gleichzeitigen Kampf gegen Franzosen und
Nationalchinesen zu vermeiden, handelte Ho mit de Gaulle, der zu
dieser Zeit noch Chef der provisorischen Regierung Frankreichs nach
der Besatzung durch Deutschland war, 1946 einen Kompromiss aus.
Danach erkannte Frankreich Vietnam als „freien“ Staat innerhalb
der Französischen Union an, während Ho zusicherte, für die
nächsten fünf Jahre die französische Kontrolle Nordvietnams
anzuerkennen.
Die
ausgewählten Gedichte
(လက္ေရြးစင္ေလးခၽိုဳးတရာLaygyo
Gyi) von Thakin Kodaw Hmaing (1876 –1964) haben wir auch studiert.
Seine Werke beeinflussten die burmesische Anti-Kolonialliteratur.
Thakin Kodaw Hmaing
war der bekannteste Dichter des 20. Jahrhunderts in der Geschichte
von Myanmar und der Patron der Gesamtburma Studentenunion (the All
Burma Students Union (ABSU)) im Gründungsjahr 1936. In seiner
Eröffnungsrede sagte er:
ေကါင္းမၽုိဳးအေထြေထြရယ္နဲ့ခၽြန္ေစျမေစေစာဒါင္းအုိးေဝရယ္လုိ့တြန္ေစကေစေသာ("May
a myriad good things with vigour have a chance; may the peacock have
its call and dance")ာ.
Der kämpfender Pfau wurde danach das
Symbol der Studenten Union in Myanmar. 1960 wurde Kodaw Hmaing, der
Dichter und Dramatiker, von der Universität Hamburg mit der
Ehrendoktorwürde für seine Werke geehrt.
Ich
hatte in der Uni und in der Union so viel gelernt. Trotzdem mochte
nicht mehr an dieser Uni weiter studieren. Meine Kommilitonen wurden
hier erschossen! Wie könnte ich noch ruhig im Studenten-Hostel
schlafen? Ich wollte raus aus Myanmar, ins Ausland und von dort aus
einen Widerstand organisieren. War dieser Gedanke vielleicht eine
Illusion oder war ich naiv?
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