Donnerstag, 31. Dezember 2015

My Myanmar Story: Abschiedsfeier und Auflösung des Bündnisses

Abschiedsfeier und Auflösung des Bündnisses

Hier stehe ich, ich kann nicht anders...“, schrieb Martin Luther (1483-1546), deutscher Priester, Theologieprofessor und Reformator.

Anfang August 1964 hatte mir das Ministerium mitgeteilt, dass ich als einer der Stipendiaten, die nach Europa gehen würden, ausgewählt wurde.
Ich fühlte mich über die doch eigentlich erfreuliche Nachricht nicht so euphorisch, wie ich zuvor gedacht hatte. Nach dem Interview im Ministerium im Juli war ich für viele Tage unruhig, denn da ich mich für das Auslandsstudium entschied, musste ich nicht nur meine Eltern, Tante und Geschwistern, sondern auch meine Kollegen und Kommilitonen des Bündnisses verlassen. Das bedeutete die Auflösung unseres Bündnisses. Wir waren zu sechst im Bündnis und gemeinsam in der Yangon Studentenunion aktiv. Jahrelang hatten wir gemeinsam vieles unternommen. Nach dem Ereignis vom 2. Juli 1962 wurden zwei von uns von der Universität ausgeschlossen. Einer der beiden war Philosophiestudent und der zweite hatte fernöstliche Geschichte studiert. Ich und mein Kollege vom
Yangon Institute of Technologie (R.I.T.) waren für Naturwissenschaftsfächer eingeschrieben und konnten noch weiter studieren. Mit unseren anderen zwei Kollegen konnten wir keinen Kontakt herstellen. Sie waren entweder erschossen worden oder in den bewaffneten Untergrund gegangen. Ich erfuhr einige Zeit nichts Genaues über ihr Schicksal.

Unsere Bekanntschaft fing 1961 an, als ich in der Yangon Uni eingeschrieben wurde. Es war für mich die schönste Zeit meines Studentenlebens in Myanmar, geflügelt von der Meinungs-, Rede- sowie Versammlungsfreiheit. Die nach der Unabhängigkeit erstmals demokratisch gewählte Regierung von Premier U Nu war noch an der Macht. Unter seiner Regierung verwandelte sich das Land zu einer blühenden Wirtschaft und wurde zur „Reiskammer“ Asiens. Es gab keine Hungersnöte, kein Demonstrationsverbot und keine Pressezensur. Die Bürger genossen Freiheit und demokratische Rechte. Wir, die Studenten, durften alle Literatur lesen, unsere freie Meinung äußern und jede Kritik an Politik sowie Regierung frei artikulieren.
Die Yangon Universität bildete bekanntlich hervorragenden Politiker und Persönlichkeiten aus, wie den Nationalhelden General Aung San, den Premierminister U Nu (Amtszeiten 1948-56, 1957-58 und 1960-1962) und den Premierminister U Ba Swe (Amtszeit 1956-57). Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen U Thant aus Myanmar (Amtszeit 1961-1971) war Absolvent der Uni. 1945 schlossen sie alle sich der Befreiungsbewegung unter General Aung San gegen die japanische Besatzung an. Die Yangon Universität genoss daher einen guten Ruf unter der intellektuellen Elite des Landes. Ich war stolz, dort zu studieren.

Ich verbrachte anfänglich viel Zeit mit Lesen in der Uni-Bibliothek und mit Bodybuilding im Fitnessstudio der Universität, weil ich als Student im ersten Semester nicht so viele Freunde hatte. Die Uni-Bibliothek war vollgefüllt, mit Weltliteratur und Literatur aus Myanmar sowie mit Geschichtsbüchern. Die Kollegen des später mit mir geformten Bündnisses waren bereits in höheren Semestern und etwa 4-5 Jahre älter als ich. Sie saßen oft in der Bibliothek und begrüßten mich immer herzlich, wenn sie mich sahen. Einer von ihnen kam auch regelmäßig zum Sport und fragte mich eines Tages, ob ich Interesse hätte, bei der Uni Studentenunion als Obmann für Sport und Kultur mitzuarbeiten. Ich sagte sofort zu, ohne zu wissen, was die Union treibt und von mir erwartet. Später erfuhr ich, dass unsere Vorbilder wie der Nationalheld General Aung San, der Premierminister U Nu, der Premierminister U Ba Swe auch die Vorstandsmitglieder der Yangon Universität Studentenunion(the Rangoon University Students Union (RUSU)) waren.
Bei der nächsten Jahresversammlung wurde ich als Obmann gewählt. Seither trafen wir regelmäßig zusammen. Ich war stolz dort mitzuarbeiten. Wir nahmen gemeinsam an politischen Schulungen teil und diskutieren über Frieden und Krieg, denn seit 1948 herrschte Bürgerkrieg im Land und wir suchten eine mögliche Lösung. Wir studierten die Französische Revolution und erkannten die Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ als eine der zahlreichen Losungen. „Freiheit, Gleichheit, und Brüderlichkeit“( Liberté, Égalité, Fraternité) ist der Wahlspruch der heutigen Republik. Er fußt auf den Losungen der Französische Revolution 1789. Wir lasen Werke über den ersten und zweiten Weltkrieg, die Biographien weltbekannter Politiker wie Winston Churchill, Charles de Gaulle, Abraham Lincoln, sowie die Biographien von Revolutionären der Modernen Geschichte wie Lenin, Mao Zedong, Hồ Chí Minh, Fidel Castro und Che Guevara. Die Union orientierte sich traditionell politisch links. Wir waren begeistert von dem Kampf, in dem Fidel Castro und Che Guevara 1959 den kubanischen Diktator Batista gesiegt hatten. Auch über den Langen Marsch von Mao 1934/35 wurden Abhandlungen vorgelesen. Wir studierten den Widerstand der Viet Minh unter Führung Ho Chi Minhs gegen japanische Faschisten und französische Kolonisten. Einen China-kritischen Spruch von Ho habe ich noch immer in meinem Gedächtnis: „Was mich angeht, ziehe ich es vor, fünf Jahre französischen Mist zu riechen, als für den Rest meines Lebens chinesischen zu essen.“ Zu seiner Zeit waren die Nationalchinesischen Truppen – wie im Kairoer Treffen der Alliierten 1943 vereinbart – nach dem Rückzug Japans in den Norden des Landes vorgedrungen, um die Japaner zu entwaffnen, und bedrohten dabei die Position der Viet Minh. Um einen gleichzeitigen Kampf gegen Franzosen und Nationalchinesen zu vermeiden, handelte Ho mit de Gaulle, der zu dieser Zeit noch Chef der provisorischen Regierung Frankreichs nach der Besatzung durch Deutschland war, 1946 einen Kompromiss aus. Danach erkannte Frankreich Vietnam als „freien“ Staat innerhalb der Französischen Union an, während Ho zusicherte, für die nächsten fünf Jahre die französische Kontrolle Nordvietnams anzuerkennen.
Die ausgewählten Gedichte (လက္ေရြးစင္ေလးခၽိုဳးတရာLaygyo Gyi) von Thakin Kodaw Hmaing (1876 –1964) haben wir auch studiert. Seine Werke beeinflussten die burmesische Anti-Kolonialliteratur. Thakin Kodaw Hmaing war der bekannteste Dichter des 20. Jahrhunderts in der Geschichte von Myanmar und der Patron der Gesamtburma Studentenunion (the All Burma Students Union (ABSU)) im Gründungsjahr 1936. In seiner Eröffnungsrede sagte er: ေကါင္းမၽုိဳးအေထြေထြရယ္နဲ့ခၽြန္ေစျမေစေစာဒါင္းအုိးေဝရယ္လုိ့တြန္ေစကေစေသာ("May a myriad good things with vigour have a chance; may the peacock have its call and dance"). Der kämpfender Pfau wurde danach das Symbol der Studenten Union in Myanmar. 1960 wurde Kodaw Hmaing, der Dichter und Dramatiker, von der Universität Hamburg mit der Ehrendoktorwürde für seine Werke geehrt.

Ich hatte in der Uni und in der Union so viel gelernt. Trotzdem mochte nicht mehr an dieser Uni weiter studieren. Meine Kommilitonen wurden hier erschossen! Wie könnte ich noch ruhig im Studenten-Hostel schlafen? Ich wollte raus aus Myanmar, ins Ausland und von dort aus einen Widerstand organisieren. War dieser Gedanke vielleicht eine Illusion oder war ich naiv?