Freitag, 21. Dezember 2018

Meine Erfahrung in Deutschland

Meine Erfahrung in Deutschland
Verfasser: Khin Maung Yin, Berlin, 2018
„Das Heiligste, das der Deutsche hat, ist die Arbeit“. Kurt Tucholsky, deutscher Dichter und Schriftsteller ( 1890-1935)Deutsche sind arbeitsam und gehen gern zur Arbeit. Sie nehmen ihre Mahlzeiten für gewöhnlich an ihrem Arbeitstisch ein, ohne den Arbeitsplatz zu verlassen. Sie sind ständig in Bewegung und am Arbeiten. In ihrer freien Zeit polieren Männer ihr Auto und die Frauen putzen ihre Wohnung. Das allerliebste des Deutschen Mannes ist das Auto. Wenn ein deutscher Mann aus seinem Auto aussteigt, dreht er eine Runde um das Auto herum, um zu schauen, ob es Kratzer oder Schrammen abbekommen hat. Am Abend poliert er sein Auto, bevor er ins Bett geht. Alle Autos auf den Straßen sind glänzend sauber. Auch die deutschen Frauen stehen den Männern in nichts nach. Kaum ist der Winter vorbei, putzen die deutschen Frauen trotz der anhaltenden Kälte Fenster und Türen. Sie nennen es Frühlingsputz. Vor 200 Jahren schrieb der deutsche Dichter, Friedrich von Schiller: „Abschied von einer langen und wichtigen Arbeit ist mehr traurig als erfreulich.“ Seine Feststellung hat weiterhin noch seine Richtigkeit. Viele Deutsche wollen, trotzdem sie bereits im Ruhestandsalter sind, lieber weiterhin zur Arbeit gehen.
Einige Engländer und Franzosen spotten über Deutsche, dass Deutsche nur leben um zu arbeiten. Doch Deutsche können gut arbeiten und auch feiern. Im Laufe der Zeit habe ich einige Deutsche kennengelernt. Nach meinem Studium begann ich, im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Einmal wurde ich von einem Arbeitskollegen zu seiner Geburtstagsfeier nach Hause eingeladen. Beim Essen saßen wir mit seiner Familie am großen Tisch zusammen. Der Tisch war voll gedeckt, mit WMF-Silberbesteck, verschiedenen Gläsern für Wasser, Schnaps, Bier sowie für Wein. Bei jedem Teller lagen zwei Messer rechts, zwei Gabeln links. Ich sah das schöne Ambiente und verglich es mit unseren Sitten. Bei uns dürften die Messer nicht auf dem Tisch liegen, wenn sich Freunde treffen, gehört sich das nicht. Das Messer steht symbolisch für Feinschaft und Kampf. Die Burmesen essen mit Händen oder mit Löffeln und Gabeln. Gemüse und Fleisch werden zum Kochen immer klein geschnitten. Ich sagte mir: „Oh ja, dies sind ihre Sitten, sie sind sehr verschieden von dem, was ich kenne!“, und dachte an das Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: „Das Essen soll zuerst das Auge erfreuen und dann den Magen“. Ich war noch bei meinen Gedanken, als eine Stimme mich aufschreckte. Seine Frau kündigte laut an, heute gäbe es französisches Essen. Sie erzählte weiter, dass im 17. Jahrhundert jeder vierte Berliner ein Franzose bzw. Hugenotte war. Deswegen sei das französische Essen hier in Berlin sehr beliebt. Das Geburtstagskind fügte hinzu: „Die Germanen, unsere Vorfahren, verstanden sich hervorragend auf die Zucht von Rindern, Schweinen, Schafen, Ziegen und Hühnern. Sie bauten auch Gerste, Hafer, Weizen, Roggen und Hirse an. Aus den verschiedenen Getreiden wurden unter anderem mehrere Sorte Bier hergestellt. Bekannt ist, dass die Germanen nicht allzu wenig tranken und zwar meist aus mehreren Liter fassenden Gefäßen. Wir sind es seitdem gewohnt, viel Fleisch sowie viel Alkohol zu konsumieren.“ Ich hörte zu und blickte ihn imponiert an.
Der Abend begann mit einer Cremesuppe. Als Vorspeise wurde Geflügelleberpastete serviert, zubereitet aus Schalotten, Thymian, Lorbeerblättern und Portwein. Das Hauptmenü bestand aus Schweinemedaillons, bestehend aus Schweinefilet, Parmaschinken, Olivenöl, Zitronenscheiben und gehackter Petersilie. Jeder hatte seine eigene Portion auf seinem Teller. Bei uns werden
mehrere verschiedenen Gerichte auf dem Tisch serviert, gewöhnlich gleichzeitig oder nacheinander. Jeder kann von den verschiedenen Gerichten nehmen, was er oder sie gerne isst. Im Gegensatz zu myanmarischen Gerichten gab es an diesem Abend keine Knochen im Fleisch, weder Schalen noch Gräten in der Suppe. Es war ein so schönes französisches Essen. Anschließend gab es zum Nachtisch verschiedenen Käsesorten und Obst. Wir tranken einen trockenen Bordeaux-Rotwein, auf das Wohl des Geburtstagskindes. Ich hob mein Glas ebenfalls und trank mit. Als anständiger Buddhist sollte ich eigentlich garkeinen Alkohol und wenig Fleisch zu mir nehmen. Aber um ehrlich zu sein mache ich da sehr oft eine Ausnahme. Deutsche können das Essen auch gut genießen. Schon in der Zeit seiner Bibelübersetzung sagte Martin Luther: „Man kann Gott nicht allein mit Arbeit, sondern auch mit Feiern und Ruhen dienen“. 1540 schrieb er aus Weimar seiner Frau Katharina von Bora: „Wir fressen, wie die Böhmen, saufen, wie die Deutschen.“ Aber sein anderer Spruch „Was rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmeckt“ würde jedoch tatsächlich zu den heutigen Essgewohnheiten in Myanmar passen. Nur eine Sache hatte mich beim Geburtstagsessen gestört: als mein Freund laut seine Nase putzte und sein schmutziges Tuch in seine Hose steckte. Mir war der Appetit vergangen. 2017 ist Reformationsjubiläum, es jährt sich zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen. Am 31. Oktober 1517 kritisierte Martin Luther den in Deutschland aufkommenden Ablasshandel. Mit dem Verkauf sogenannter Ablassbriefe bot die Kirche Sündenvergebung an. In 95 Thesen widerlegte er diese Praxis. Damit begann die Reformation, und in der Folge entstand die evangelische Kirche. Im Rahmen der Weltausstellung Reformation 2017 boten Kirchen, Organisationen und Kulturschaffende ein vielfältiges Programm für Jung und Alt. Sechzehn Wochen lang fanden Veranstaltungen an mehreren verschiedenen Orten in Deutschland statt. Dort habe ich auch einige neue Erkenntnisse gewinnen können.
In den Lebzeiten von Luther wurde den Kindern mit der damals üblichen Strenge das Lesen und Schreiben beigebracht. Über die Härte seiner Lehrer beklagte sich Luther noch Jahrzehnte später: „Manch geschickter Kopf ist dabei verdorben worden!“ Aus seinem Zeugnis geht hervor, dass der junge Martin an einem einzigen Vormittag mit 15 Hieben gezüchtigt wurde. In Deutschland werden die Kinder heutzutage beim Unterricht weder ausgeschimpft noch geschlagen. In Myanmar wurden und werden die Schüler und Schülerinnen noch oft von den Lehrern bestraft wie in Deutschland zu Lebzeiten von Luther. Die strenge Kindererziehung ist in Myanmar erhalten geblieben. Einmal, in der 5. Klasse, wurde ich von meinem Lehrer auf die Finger geschlagen, weil ich einen Text nicht auswendig vortragen konnte. Ich war so wütend und sauer auf den Lehrer, konnte mich darüber aber bei niemandem beschweren und nichts gegen ihn unternehmen. Vergessen sollte ich es nie. Drei Monate später ging ich in den Ferien aus der buddhistischen Tradition heraus ins buddhistische Kloster, um dort als Mönch auf Zeit die nächsten vier Wochen dort zu verbringen. Nach den buddhistischen Sitten müssen alle Menschen, auch Eltern und Lehrer vor jedem Mönch niederknien, als Zeichen des Respekts vor Buddha. Ich hatte an meinen Lehrer und an den Vorfall gedacht. Eines Tages besuchte ich als Mönch den Lehrer. Er, seine Frau und weitere Anwesende standen sofort auf und knieten sich vor mir, dem kleinen Mönch, auf den Boden. Das war für mich eine große Genugtuung und zugleich meine verspätete süße Rache an den Lehrer, vor mir auf die Knie zu gehen und mir seinen Respekt zu zollen.
Ich empfinde das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern in Deutschland als eigenartig. Deutsche Kinder haben wenig Aufmerksamkeit bzw. Achtung vor ihren Eltern und Lehrern. Oft rufen die Kinder ihre Eltern bei ihren Vornamen. In Myanmar müssen die Kinder ihre Eltern
siezen. Die Kinder nennen sie „Papa“ und „Mama“. Das ist eine Art des Respekts. Wenn sie nicht in einem Haushalt zusammen leben können, rufen sie täglich ihre Eltern an und fragen sie nach ihrem Befinden. Am Wochenende besuchen sie gewöhnlich ihre Eltern für ein paar Stunden. Vor dem Abschied oder vor der Reise verbeugen sich die Kinder vor ihren Eltern wie üblich dreimal nach buddhistischer Art. Bei den Geburtstagen der Eltern bereiten sie etwas Schönes zu essen vor oder laden sie zu buddhistischen Pilgerfahrten ein. Das ist eine Art der Dankbarkeit für das Großziehen.
Viele Deutsche wussten nicht, wo Myanmar liegt. Sie wussten vieles über Spanien, Italien oder Österreich, weil sie dort schon mehrmals ihren Urlaub verbracht haben. Als ich bei der Berliner Verwaltung zu arbeiten anfing, wurde ich oft gefragt, ob ich ein Japaner sei. Sie konnten zwischen uns Asiaten nicht unterscheiden. Als ich antwortete, ich komme aus Burma bzw. Myanmar, dachten sie, es wäre eine kleine japanische Insel. Übel nehmen konnte ich es den Neugierigen nicht. 1942-45 war Myanmar tatsächlich unter japanischer Herrschaft. Im Süden Myanmars, im indischen Ozean, liegt das Mergui-Archipel, bestehend aus zahlreichen unberührten Inseln.
Wir in Myanmar lachen gern. Die Deutschen lachen im Vergleich dazu nicht gern. Sie finden, dass wir grundlos lachen. Einige deutsche Autoren, die Myanmar-Kenner, nennen Myanmar das Land des Lächelns. Einmal fragte mich ein deutscher Journalist: „Herr Yin, Sie sind immer fröhlich, man sieht Sie immer mit einem Lächeln.“ Ich antwortete prompt: „Wissen Sie, wenn wir ein Lächeln (smile) mitbringen, zeigen wir unserem Gesprächspartner gegenüber unseren Respekt. Das ist unsere Sitte. Wir wollen optimistisch und fröhlich sein. Lächeln lässt den Stress vergessen. Drei Dinge helfen, die Mühseligkeit des Lebens zu tragen: Die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen. Dies hatte der deutsche Philosoph, Immanuel Kant (1724-1804) gesagt. Ich halte mich daran. Sehen Sie, wir haben die Hoffnung auf Demokratie nie aufgegeben. Die Hoffnung ist erfüllt. Um den Schlaf und das Lachen kümmern wir uns sowieso schon gerne.“
Die Deutsche verzehren gern viel Fleisch, trinken gerne auch Bier und Wein. Das Oktoberfest in München ist das größte Volksfest der Welt. Es findet seit 1810 in der bayerischen Landeshauptstadt München statt und wird jährlich von rund sechs Millionen Gästen besucht. Der Tag des Deutschen Bieres findet jährlich am 23. April statt. Die Weinkultur wird sowohl auf öffentlichen Festveranstaltungen als auch in privaten Weinproben gepflegt. Weinfeste besitzen oft Volksfestcharakter. Das größte Weinfest der Welt findet mit über 600.000 Besuchern in Bad Dürkheim, Rheinland-Pfalz statt. Bekanntlich ist es so, dass die evangelische und katholische Kirche die Gemeinde mit BROT UND WEIN zum Abendmahl bzw. zur Heiligen Messe empfängt, gemäß der Weisung Jesu: "Nehmt und trinkt alle daraus!"
Im Laufe der Zeit habe ich mich den deutschen Sitten angepasst. Ich poliere ständig mein Auto und trinke auch Alkohol, obwohl viele Buddhisten in Myanmar komplett auf den Genuss von Alkohol und Fleisch verzichten. Solche absolut gesunde Ernährung werde ich aber noch bis auf Weiteres verschieben.
Immanuel Kant schrieb: Jedermann würde die schlechten Umstände auf die erste Lebenszeit und die guten auf die letzte verschieben, damit er sie im Prospekt hätte.
Tue das, wodurch Du würdig bist, glücklich zu sein.

Dienstag, 23. Oktober 2018

Mein Name, mein Geburtstag und mein Tierzeichen

 Mein Name, mein Geburtstag und mein Tierzeichen Verfasser: Khin Maung Yin Juni 2017

„Aller Anfang ist schwer“ sagt ein deutsches Sprichwort. Weil die Hochschulen in Myanmar seit Machtübernahme des Militärs im Jahre 1962 wegen der Studentenproteste öfter geschlossen wurden, beschloss ich im Ausland zu studieren. Im Herbst 1972 kam ich nach Deutschland. Zuallererst nach meiner Ankunft in Berlin musste ich mich bei den Ausländerbehörden anmelden. Mein deutscher Freund hat mich dorthin begleitet. Nach der Aushändigung des ausgefüllten Anmeldeformulars sagte mir die Beamtin: „Sie müssten alle Fragen ausfüllen, bitte nichts
auslassen. Hier fehlt noch Ihr Vorname.“ Ich antwortete mit Hilfe meines Freundes stockend: Ich habe keinen Vornamen. Ich habe nur einen Namen. Ich heiße Khin Maung Yin.“ Ich legte ihr meinen Reisepass vor. Sie war ungeduldig und wiederholte: Wollen Sie mich dumm verkaufen. Ich brauche Ihren Vornamen. Sonnst müsste ich hier für den Vornamen „Ohne“ eintragen.“ Ich geriet in Panik und beriet mich kurz mit meinem Freund. Ich wollte nicht, dass ich mit dem Vornamen „Ohne“ heiße. Ich beschoss, um meinen Namen zu trennen. Ich hatte darauf hin „Khin“ als meinen Vornamen und Maung Yin als Nachnamen angegeben. Jetzt war die Beamtin mit mir zufrieden. Ich merkte mir: „Ah, anderer Ort, andere Sitten. Ich muss mich dem anpassen.“ Als wir die Anmeldestelle verließen, tröstete mich mein Freund so: „Eingebildete Gans! Sie macht sich so wichtig, ob für sie ein Ein-Name ganz neu wäre. Germanen trugen auch jahrtausendelang nur einen Namen. Die Vor- und Familiennamen wurden in Deutschland erst seit 13. Jahrhundert allmählich eingeführt. Die Ostfriesen bildeten in Deutschland das Schlusslicht, die erst 1811 Familiennamen schufen.“ Ich sagte : „Eben! Viele andere Länder auch. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war es in Japan für die niederen Ränge (also Bauern, Händler und Standlose) verboten, einen Familiennamen zu tragen. Erst 1870 erließ die Regierung das so genannte „Gesetz zur Erlaubnis von Familiennamen für das Volk“ , durch das jeder einen Familiennamen annehmen konnte. Neun Länder haben weltweit noch keine Familiennamen. In Europa trifft dies auf Island und den Färöern zu. Auf Island und auf den Färöern haben nur wenige Personen Familiennamen im Sinne des mitteleuropäischen Familiennamen. In Ägypten wurden die Nachnamen erst 1954 eingeführt.“
Gute Deutschkenntnisse waren die Voraussetzung für mein Studium. Deutsch zu beherrschen war meine erste Priorität. Die Sprache zu lernen, vor aller die deutsche Grammatik mit den vier Fällen und die Wörter mit den Artikeln „Der, Die, Das“ zu beherrschen, war nicht einfach. Die vielen Ausnahmen zu begreifen fiel mir sehr schwer. Einmal fragte ich meine Deutschlehrerin: „Warum ist
in der deutschen Sprache das Wort „Sonne“ weiblich“? In unserer Kultur betrachtet man „Sonne“ für stark und männlich.“ Sie antwortete mir, dass das Wort „Sonne“ vom althochdeutschen und altsächsischen Wort „Sunna“ komme. Das Wort „Sonne“ endet mit „e“. Wörter wie „Sonne, Brille, Firma, Lena, Eva“ mit den Endbuchstaben „e“ und „a“ sind weiblich.“ Ich dachte kurz nach und erwiderte ihr: „Wieso sagt man dann „das Auge, das Gebäude“ oder „der Brite, der Finne, der Burmese, der Name“? Wieso heißt es dann „der Papa“ „das Asthma“ oder „das Aroma“? Oder, noch schlimmer, „das Fräulein“ zu sagen, obwohl die Person(Frau), ob alt oder jung, weiblich ist. Genauso schlimm ist es, „das Mädchen“ zu sagen, obwohl diese Person von Geburt an weiblich ist. Warum sagt man „der Rand“, dann „die Hand“ und aber „das Land“? Wieso sagt man „der Band“, manchmal „die Band“, in anderen Fällen „das Band“.“ Die Lehrerin wurde nachdenklich und gab keine passende Antwort auf die lange Kette der Fragen und sagte lediglich: „Sie sind Ausnahmen“.
Ich war lernbegierig und hatte im Unterricht oft viele Fragen an meine Deutschlehrerin gestellt. In kurzer Zeit wurde ich ihr Lieblingsschüler. Ich wurde von ihrer Familie oft zum Essen eingeladen, das erste Mal zum Weihnachtsessen bei ihr im Winter 1972. Die ganze Familie war sehr nett zu mir. Ich fühlte mich wohl bei ihr, weil ich allein einsam hier in Deutschland, weit von meiner Familie war. Die Lehrerin vertraute mir sogar so weit, dass ich ihren 2-jährigen Sohn betreuen durfte. Ich wurde ein Babysitter gegen Bezahlung. Ich konnte eben mein Taschengeld ausbessern. Eines Tages ging ich mit dem Kind in den Tiergarten Berlin an die frische Luft. Das Kind saß im Buggy. Ich schob den Buggy vorsichtig. Viele Spaziergänger waren auch unterwegs. Einige sahen uns erstaunt und blieben stehend. Das Kind war sehr hell mit blonden Haaren und ich bin dunkel mit schwarzen Haaren. Wir standen im scharfen Kontrast zueinander. Einige lächelten mich freundlich an, andere sprachen mich an. Ich verstand kaum, was sie sagten. Sie sprachen schnell, möglicherweise den Berliner Dialekt. Ich lächelte nur zurück. Bei uns sagt man: „Charmantes Lächeln ist Gold wert, wenn du keine Antwort findest.“ Ich dachte: „Deutsch zu sprechen ist schwer, aber Deutsch zu verstehen ist noch schwieriger. Deutsche müssten sooo.... klug sein, um sie zu beherrschen“. Das
Institut IDIBON mit Sitz in den USA hat im Juni 2013 eine Liste der merkwürdigsten und komplizierten Sprachen der Welt veröffentlicht. Deutsch ist laut der Sprachexperten die komplizierteste Sprache in Westeuropa und stand weltweit an zehnter Stelle der Liste. Also, Sprachwissenschaftler haben heute das gleiche festgestellt wie ich vor 40 Jahren.
Die harte Ausspreche der Deutschen war für meine Ohren gewöhnungsbedürftig. Die Wörter, die auf Buchstaben „d“ und „t“ enden, werden deutlich hart ausgesprochen. Eine solche Aussprache war für mich ungewöhnlich, weil wir Burmesen die Endungen weich aussprechen. Ebenfalls kann ich Wörter mit Ä, Ö, Ü, nicht richtig aussprechen. Im Burmesischen fehlen solche Laute. Auch ein Diktat zu schreiben war für mich eine wahre Qual, vor allem, wenn arabischen Zahlen im Text vorkamen. Deutsche lesen normalerweise wie wir die Texte von links nach rechts. Aber sie lesen die Zahlen umgekehrt: eine aus zwei Ziffern bestehende Zahl (von 21 bis 99) lesen sie von rechts nach links, z.B. 31(einunddreißig). In solchen Fällen schrieb ich im Diktat oft Zahlendreher. Fleißig musste ich die deutschen Wörter mit den dazugehörigen Artikeln auswendig lernen.
Ein burmesisches Sprichwort sagt: „Geduld und Ausdauer musst man bewahren, Erfolg kommt zu Dir mit der Zeit“. Ein deutsches Sprichwort lautet ähnlich: „Mit Geduld und Zeit kommt man weit.“ So hielte ich mich daran: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nicht mehr.“ Ich war eben noch jung und frisch. Nach einem Jahr konnte ich mein Hochschulstudium anfangen.
Endlich war ich so weit. Mein Studium dauerte 5 Jahren. Ich hatte mein Diplomstudium erfolgreich abgeschlossen. Ich konnte damals nicht nach Burma zurückkehren, weil ich wegen meiner politischen Tätigkeiten auf der schwarzen Liste der Militärregierung stand. Während des Studiums pflegte ich eine gute Beziehung zu meinem Professor, der seiner Zeit Fachbereich Obmann war, und bekam einige Werkverträge seines Instituts auf Honorarzahlung. Da ich mich mit seiner Vorzimmerdame gut verstand, bekam ich wann immer ich wollte sofort einen Termin bei ihm. Ich genoss sein Vertrauen und respektierte ihn für sein Fachwissen. Dies hatte mir nun einen Vorteil
verschafft. Durch Empfehlung und Einsatz meines Professors fand ich eine Arbeitsstelle an der T.U. Berlin. Ich ging später für den Abschluss des Arbeitsvertrags zum Personalbüro. Eine Verwaltungsbeamtin empfing mich dort. Ich legte ihr meinen Reisepass, mein polizeiliches Führungszeugnis und mein Hochschulabschlusszeugnis vor. Sie forderte von mir, zusätzlich noch meine Geburtsurkunde sowie den Auszug aus dem Familienregister vorzulegen. Ich war von ihrer Forderung überrascht und erklärte ihr sogleich, dass solche Unterlagen in Burma nicht existierten. Wir hatten kein Familienbuch. Jeder Burmese, egal ob weiblich oder männlich, hat einen eigenen Namen, welcher nach dem Geburtswochentag ausgesucht wird. Die Beamtin wollte von meinen Umständen nichts wissen und bestand darauf , dass ich die fehlenden Unterlagen mitzubringen habe. Sie sagte mir: Wir müssen Ihren Dienstantritt und -alter festsetzen. Dafür brauchen wir Ihre Urkunde. Ihr Familienregister ist maßgebend für die Gehaltsabrechnung und den Familienzuschlag. Mehr möchte ich von Ihnen nicht wissen.“
Eine Burmesische Geburtsurkunde nach gregorianischem Kalender? Keine Eltern interessierten sich in Myanmar, nach wie viele Jahre und Tage nach dem Tod Christus ihr Kind geboren ist. Traditionell wurden die neugeborenen Kinder in den buddhistischen Dorfklöstern nach burmesischem Mondkalender registriert und dort die Geburtsurkunden archiviert. In den Dörfern, wo die öffentlichen Bürgerämter fehlten, nahmen die buddhistischen Mönche diese Aufgaben wahr.
Für einen Burmesen ist das Geburtsdatum nicht so relevant. Relevant ist nur, an welchem Wochentag er geboren ist. Den sieben Wochentagen gehören 8 Tierzeichen, wobei der Mittwoch zwei zeitgebundene Tierzeichen hat, eines am Vormittag und das andere am Nachmittag. Wenn wir die buddhistischen Pagoden besuchen, suchen wir den dem Wochentag zugeordneten Platz unter den 8 Himmelrichtungen mit den zugehörigen Tierzeichen.
Diese Tierzeichen, deren Sage für jeden Buddhisten von großer Bedeutung ist, sind maßgeblich entscheidend auch bei der traditionsgebundenen Wahl der Ehepartner.
Ich bin am Montag geboren und habe das Tierzeichen TIGER. Meine Geburtsdaten nach dem gregorianischen Kalender kenne ich nicht. Meine burmesische Geburtsurkunde liegt in unserem buddhistischen Dorfkloster.“ Dort müsste ich mich nach meinem Geburtsdatum erkundigen.
-Ende-