Freitag, 21. Dezember 2018

Meine Erfahrung in Deutschland

Meine Erfahrung in Deutschland
Verfasser: Khin Maung Yin, Berlin, 2018
„Das Heiligste, das der Deutsche hat, ist die Arbeit“. Kurt Tucholsky, deutscher Dichter und Schriftsteller ( 1890-1935)Deutsche sind arbeitsam und gehen gern zur Arbeit. Sie nehmen ihre Mahlzeiten für gewöhnlich an ihrem Arbeitstisch ein, ohne den Arbeitsplatz zu verlassen. Sie sind ständig in Bewegung und am Arbeiten. In ihrer freien Zeit polieren Männer ihr Auto und die Frauen putzen ihre Wohnung. Das allerliebste des Deutschen Mannes ist das Auto. Wenn ein deutscher Mann aus seinem Auto aussteigt, dreht er eine Runde um das Auto herum, um zu schauen, ob es Kratzer oder Schrammen abbekommen hat. Am Abend poliert er sein Auto, bevor er ins Bett geht. Alle Autos auf den Straßen sind glänzend sauber. Auch die deutschen Frauen stehen den Männern in nichts nach. Kaum ist der Winter vorbei, putzen die deutschen Frauen trotz der anhaltenden Kälte Fenster und Türen. Sie nennen es Frühlingsputz. Vor 200 Jahren schrieb der deutsche Dichter, Friedrich von Schiller: „Abschied von einer langen und wichtigen Arbeit ist mehr traurig als erfreulich.“ Seine Feststellung hat weiterhin noch seine Richtigkeit. Viele Deutsche wollen, trotzdem sie bereits im Ruhestandsalter sind, lieber weiterhin zur Arbeit gehen.
Einige Engländer und Franzosen spotten über Deutsche, dass Deutsche nur leben um zu arbeiten. Doch Deutsche können gut arbeiten und auch feiern. Im Laufe der Zeit habe ich einige Deutsche kennengelernt. Nach meinem Studium begann ich, im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Einmal wurde ich von einem Arbeitskollegen zu seiner Geburtstagsfeier nach Hause eingeladen. Beim Essen saßen wir mit seiner Familie am großen Tisch zusammen. Der Tisch war voll gedeckt, mit WMF-Silberbesteck, verschiedenen Gläsern für Wasser, Schnaps, Bier sowie für Wein. Bei jedem Teller lagen zwei Messer rechts, zwei Gabeln links. Ich sah das schöne Ambiente und verglich es mit unseren Sitten. Bei uns dürften die Messer nicht auf dem Tisch liegen, wenn sich Freunde treffen, gehört sich das nicht. Das Messer steht symbolisch für Feinschaft und Kampf. Die Burmesen essen mit Händen oder mit Löffeln und Gabeln. Gemüse und Fleisch werden zum Kochen immer klein geschnitten. Ich sagte mir: „Oh ja, dies sind ihre Sitten, sie sind sehr verschieden von dem, was ich kenne!“, und dachte an das Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: „Das Essen soll zuerst das Auge erfreuen und dann den Magen“. Ich war noch bei meinen Gedanken, als eine Stimme mich aufschreckte. Seine Frau kündigte laut an, heute gäbe es französisches Essen. Sie erzählte weiter, dass im 17. Jahrhundert jeder vierte Berliner ein Franzose bzw. Hugenotte war. Deswegen sei das französische Essen hier in Berlin sehr beliebt. Das Geburtstagskind fügte hinzu: „Die Germanen, unsere Vorfahren, verstanden sich hervorragend auf die Zucht von Rindern, Schweinen, Schafen, Ziegen und Hühnern. Sie bauten auch Gerste, Hafer, Weizen, Roggen und Hirse an. Aus den verschiedenen Getreiden wurden unter anderem mehrere Sorte Bier hergestellt. Bekannt ist, dass die Germanen nicht allzu wenig tranken und zwar meist aus mehreren Liter fassenden Gefäßen. Wir sind es seitdem gewohnt, viel Fleisch sowie viel Alkohol zu konsumieren.“ Ich hörte zu und blickte ihn imponiert an.
Der Abend begann mit einer Cremesuppe. Als Vorspeise wurde Geflügelleberpastete serviert, zubereitet aus Schalotten, Thymian, Lorbeerblättern und Portwein. Das Hauptmenü bestand aus Schweinemedaillons, bestehend aus Schweinefilet, Parmaschinken, Olivenöl, Zitronenscheiben und gehackter Petersilie. Jeder hatte seine eigene Portion auf seinem Teller. Bei uns werden
mehrere verschiedenen Gerichte auf dem Tisch serviert, gewöhnlich gleichzeitig oder nacheinander. Jeder kann von den verschiedenen Gerichten nehmen, was er oder sie gerne isst. Im Gegensatz zu myanmarischen Gerichten gab es an diesem Abend keine Knochen im Fleisch, weder Schalen noch Gräten in der Suppe. Es war ein so schönes französisches Essen. Anschließend gab es zum Nachtisch verschiedenen Käsesorten und Obst. Wir tranken einen trockenen Bordeaux-Rotwein, auf das Wohl des Geburtstagskindes. Ich hob mein Glas ebenfalls und trank mit. Als anständiger Buddhist sollte ich eigentlich garkeinen Alkohol und wenig Fleisch zu mir nehmen. Aber um ehrlich zu sein mache ich da sehr oft eine Ausnahme. Deutsche können das Essen auch gut genießen. Schon in der Zeit seiner Bibelübersetzung sagte Martin Luther: „Man kann Gott nicht allein mit Arbeit, sondern auch mit Feiern und Ruhen dienen“. 1540 schrieb er aus Weimar seiner Frau Katharina von Bora: „Wir fressen, wie die Böhmen, saufen, wie die Deutschen.“ Aber sein anderer Spruch „Was rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmeckt“ würde jedoch tatsächlich zu den heutigen Essgewohnheiten in Myanmar passen. Nur eine Sache hatte mich beim Geburtstagsessen gestört: als mein Freund laut seine Nase putzte und sein schmutziges Tuch in seine Hose steckte. Mir war der Appetit vergangen. 2017 ist Reformationsjubiläum, es jährt sich zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen. Am 31. Oktober 1517 kritisierte Martin Luther den in Deutschland aufkommenden Ablasshandel. Mit dem Verkauf sogenannter Ablassbriefe bot die Kirche Sündenvergebung an. In 95 Thesen widerlegte er diese Praxis. Damit begann die Reformation, und in der Folge entstand die evangelische Kirche. Im Rahmen der Weltausstellung Reformation 2017 boten Kirchen, Organisationen und Kulturschaffende ein vielfältiges Programm für Jung und Alt. Sechzehn Wochen lang fanden Veranstaltungen an mehreren verschiedenen Orten in Deutschland statt. Dort habe ich auch einige neue Erkenntnisse gewinnen können.
In den Lebzeiten von Luther wurde den Kindern mit der damals üblichen Strenge das Lesen und Schreiben beigebracht. Über die Härte seiner Lehrer beklagte sich Luther noch Jahrzehnte später: „Manch geschickter Kopf ist dabei verdorben worden!“ Aus seinem Zeugnis geht hervor, dass der junge Martin an einem einzigen Vormittag mit 15 Hieben gezüchtigt wurde. In Deutschland werden die Kinder heutzutage beim Unterricht weder ausgeschimpft noch geschlagen. In Myanmar wurden und werden die Schüler und Schülerinnen noch oft von den Lehrern bestraft wie in Deutschland zu Lebzeiten von Luther. Die strenge Kindererziehung ist in Myanmar erhalten geblieben. Einmal, in der 5. Klasse, wurde ich von meinem Lehrer auf die Finger geschlagen, weil ich einen Text nicht auswendig vortragen konnte. Ich war so wütend und sauer auf den Lehrer, konnte mich darüber aber bei niemandem beschweren und nichts gegen ihn unternehmen. Vergessen sollte ich es nie. Drei Monate später ging ich in den Ferien aus der buddhistischen Tradition heraus ins buddhistische Kloster, um dort als Mönch auf Zeit die nächsten vier Wochen dort zu verbringen. Nach den buddhistischen Sitten müssen alle Menschen, auch Eltern und Lehrer vor jedem Mönch niederknien, als Zeichen des Respekts vor Buddha. Ich hatte an meinen Lehrer und an den Vorfall gedacht. Eines Tages besuchte ich als Mönch den Lehrer. Er, seine Frau und weitere Anwesende standen sofort auf und knieten sich vor mir, dem kleinen Mönch, auf den Boden. Das war für mich eine große Genugtuung und zugleich meine verspätete süße Rache an den Lehrer, vor mir auf die Knie zu gehen und mir seinen Respekt zu zollen.
Ich empfinde das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern in Deutschland als eigenartig. Deutsche Kinder haben wenig Aufmerksamkeit bzw. Achtung vor ihren Eltern und Lehrern. Oft rufen die Kinder ihre Eltern bei ihren Vornamen. In Myanmar müssen die Kinder ihre Eltern
siezen. Die Kinder nennen sie „Papa“ und „Mama“. Das ist eine Art des Respekts. Wenn sie nicht in einem Haushalt zusammen leben können, rufen sie täglich ihre Eltern an und fragen sie nach ihrem Befinden. Am Wochenende besuchen sie gewöhnlich ihre Eltern für ein paar Stunden. Vor dem Abschied oder vor der Reise verbeugen sich die Kinder vor ihren Eltern wie üblich dreimal nach buddhistischer Art. Bei den Geburtstagen der Eltern bereiten sie etwas Schönes zu essen vor oder laden sie zu buddhistischen Pilgerfahrten ein. Das ist eine Art der Dankbarkeit für das Großziehen.
Viele Deutsche wussten nicht, wo Myanmar liegt. Sie wussten vieles über Spanien, Italien oder Österreich, weil sie dort schon mehrmals ihren Urlaub verbracht haben. Als ich bei der Berliner Verwaltung zu arbeiten anfing, wurde ich oft gefragt, ob ich ein Japaner sei. Sie konnten zwischen uns Asiaten nicht unterscheiden. Als ich antwortete, ich komme aus Burma bzw. Myanmar, dachten sie, es wäre eine kleine japanische Insel. Übel nehmen konnte ich es den Neugierigen nicht. 1942-45 war Myanmar tatsächlich unter japanischer Herrschaft. Im Süden Myanmars, im indischen Ozean, liegt das Mergui-Archipel, bestehend aus zahlreichen unberührten Inseln.
Wir in Myanmar lachen gern. Die Deutschen lachen im Vergleich dazu nicht gern. Sie finden, dass wir grundlos lachen. Einige deutsche Autoren, die Myanmar-Kenner, nennen Myanmar das Land des Lächelns. Einmal fragte mich ein deutscher Journalist: „Herr Yin, Sie sind immer fröhlich, man sieht Sie immer mit einem Lächeln.“ Ich antwortete prompt: „Wissen Sie, wenn wir ein Lächeln (smile) mitbringen, zeigen wir unserem Gesprächspartner gegenüber unseren Respekt. Das ist unsere Sitte. Wir wollen optimistisch und fröhlich sein. Lächeln lässt den Stress vergessen. Drei Dinge helfen, die Mühseligkeit des Lebens zu tragen: Die Hoffnung, der Schlaf und das Lachen. Dies hatte der deutsche Philosoph, Immanuel Kant (1724-1804) gesagt. Ich halte mich daran. Sehen Sie, wir haben die Hoffnung auf Demokratie nie aufgegeben. Die Hoffnung ist erfüllt. Um den Schlaf und das Lachen kümmern wir uns sowieso schon gerne.“
Die Deutsche verzehren gern viel Fleisch, trinken gerne auch Bier und Wein. Das Oktoberfest in München ist das größte Volksfest der Welt. Es findet seit 1810 in der bayerischen Landeshauptstadt München statt und wird jährlich von rund sechs Millionen Gästen besucht. Der Tag des Deutschen Bieres findet jährlich am 23. April statt. Die Weinkultur wird sowohl auf öffentlichen Festveranstaltungen als auch in privaten Weinproben gepflegt. Weinfeste besitzen oft Volksfestcharakter. Das größte Weinfest der Welt findet mit über 600.000 Besuchern in Bad Dürkheim, Rheinland-Pfalz statt. Bekanntlich ist es so, dass die evangelische und katholische Kirche die Gemeinde mit BROT UND WEIN zum Abendmahl bzw. zur Heiligen Messe empfängt, gemäß der Weisung Jesu: "Nehmt und trinkt alle daraus!"
Im Laufe der Zeit habe ich mich den deutschen Sitten angepasst. Ich poliere ständig mein Auto und trinke auch Alkohol, obwohl viele Buddhisten in Myanmar komplett auf den Genuss von Alkohol und Fleisch verzichten. Solche absolut gesunde Ernährung werde ich aber noch bis auf Weiteres verschieben.
Immanuel Kant schrieb: Jedermann würde die schlechten Umstände auf die erste Lebenszeit und die guten auf die letzte verschieben, damit er sie im Prospekt hätte.
Tue das, wodurch Du würdig bist, glücklich zu sein.

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