Im Gedenken an meine liebe Mutter *Von Khin Maung Yin, August 2013
In memory of my beloved mother
„Ich werde meine Mutter nie vergessen; denn sie pflanzte und nährte den ersten Keim des Guten in mir, sie öffnete mein Herz den Eindrücken der Natur: sie weckte und erweiterte meine Begriff, und die Lehren haben einen immerwährenden Einfluß auf mein Leben gehabt.“ Immanuel Kant (1724-1804)
Das Wiedersehen fand im Sommer 1994 statt. Ich betrat wieder burmesischen Boden. Beim
Abschied damals tröstete ich meine Eltern und versprach: „In 5 Jahren bin ich zurück.“Ich kniete mich sofort vor ihnen nieder und verbeugte mich dreimal nach buddhistischer Art für das Zollen des Respekts. Ich gab meiner Mutter das goldene Armband und den goldenen Ring zurück, welche ich jahrelang getragen hatte. Meine Mutter schenkte sie mir zur Belohnung zu meiner Aufnahme in der Yangoner Universität, weil ich mich für hohe Bildung anstrengte und sie stolz auf mich war. Ich wusste, dass der goldene Schmuck sicherlich gutes Geld wert war und sagte ihr: „Mutter, ich brauche den Schmuck im Ausland nicht. Ich habe ein Begabtenstipendium. Es müsste für mich zum Leben dort völlig ausreichen. In eventueller finanzieller Not können Sie den Schmuck vielleicht für sich zu Geld machen.“ Bei uns müssen die Kinder ihre Eltern siezen. Wir dürfen unsere älteren Verwandten nie bei ihren Namen rufen. Wir nennen sie „Papa, Mama, Tante“ usw. Das ist eine Art des Respekts. Meine Mutter nahm den Schmuck zögernd an und antwortete unter Tränen: „ Ich bewahre sie für dich auf. Du bist ein liebes Kind. Komm bald zurück, mein Sohn. Du sollst fleißig schnell studieren. Wir warten auf dich, auf deine baldige Rückkehr. Wir werden immer älter. Wir wissen nicht, wie lange wir noch leben.“ Meine beiden Eltern waren etwa 60 Jahren alt. Damals lag die Lebenserwartung der Burmesen bei 55 Jahren. Sie hatten den Altersdurchschnitt schon weit überschritten. Ich war traurig, sie zu verlassen. Trotzdem habe ich es getan.
Ich hatte bereits länger in Deutschland gelebt als in Myanmar. Ich konnte mein Versprechen nicht einhalten. Seit einigen Jahren versuchte ich mehrere Male, ein Einreisevisum nach Myanmar zu bekommen. Alle Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg. Alle Oppositionellen waren nun mal unerwünscht in Myanmar. Ich stand auf der schwarzen Liste der Regierung, erzählte mir später meine Nichte, die beim Innenministerium Myanmars arbeitete. Nun, 1994 bekam ich das Einreisevisum mit der Auflage, dass ich während meines Besuches in Myanmar nicht politisch tätig werden durfte. Ich musste bei der Antragstellung angeben, wen ich besuche und wo ich mich aufhalten möchte. Ich akzeptierte zähneknirschend die Auflage voller strengen Anweisungen. Ich war voller Sehnsucht, meine Eltern endlich wiederzusehen. Beim Wiedersehen umarmte ich meine Mutter sofort. Sie war sehr alt geworden. Ihr Alter lag knapp unter 90 Jahren. Der Vater war um ein Jahr älter. Sie galten als das älteste noch lebende Ehepaar in Myanmar. Meine Mutter hatte aus Freude geweint und flüsterte mir ins Ohr: „Ich habe auf dich, auf deine Rückkehr jahrelang gewartet. Es ist mein letzter Wunsch, dich wiederzusehen, bevor ich für immer meine Augen schließe.“ Ich wollte ihr etwas sagen. Aber Ich brachte vor Rührung kein Wort heraus. Ich konnte sie nur anlächeln und war sehr froh darüber, dass ich ihr den Wunsch erfüllen konnte. Mein Vater
stand nebenan und hatte auch Tränen in den Augen, blieb aber gefasst. Ich verbeugte mich
respektvoll vor ihm. In Myanmar gelten Väter als autoritäre unantastbare Person, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich durfte ihn nicht umarmen. Meine Mutter holte umgehend meinen alten Schmuck aus der Schatzkästchen und sagte mir: „Hier ist dein goldenes Armband und der Ring. Ich habe sie solange aufbewahrt. Nimm sie zurück!“ Ihre Liebe war, ich glaube, sehr groß.
Liebe ist der Wunsch, etwas zu geben, nicht zu erhalten, wie Bertolt Brecht schrieb.
Meine Mutter hatte 9 Kinder zur Welt gebracht. Im Kindesalter waren ihre ersten vier Söhne
gestorben. Nur die Mädchen blieben am Leben. Die Ursache des Sterbens war hauptsächlich die fehlende medizinische Versorgung. Aber meine Mutter suchte vergeblich den Grund, warum ausgerechnet ihre Söhne das Kindesalter nicht überstehen konnten. Sie war depressiv und lud die Schuld auf sich. Ich wurde als 5. Sohn geboren. Drei Jahre später kam mein Bruder zur Welt. Er war das jüngste Kind. Meine Mutter erzählte einmal zu mir: „Ich wusste nicht, ob du das Kindesalter überleben würdest. Ich wünschte sehr, nochmal einen Sohn zu bekommen und glücklicherweise kam es auch so.“ Die Mutter wollte uns, die Söhne, nicht wieder verlieren und kümmerte sich deswegen sehr um uns, vor allen um unser Wohlbefinden. Obwohl ich bereits erwachsen war, wollte sie immer noch über meine Zukunft mitentscheiden. Seit der Machtübernahme des Militärs 1962 wurden die Hochschulen in Myanmar wegen der Studentenproteste öfter geschlossen. Ich beschloss, mich um ein Auslandsstudium zu bewerben. Zuerst zog ich ein Studium in Japan in Betracht. Meine Mutter sprach sich sogleich dagegen aus. Ich hatte eine junge japanische Brieffreundin und wie üblich hatten wir unsere Fotos ausgetauscht. Das Foto der Japanerin steckte ich auf die Vorderseite meines Fotoalbums. Meine Mutter wusste davon. Sie sagte mir: „Wenn du in Japan bist, willst du die japanische Freundin näher kennenlernen
und sie möglicherweise heiraten. Dann kommst du nicht mehr zurück. Ich möchte das nicht. Ich meine es ernst.“ Ihr zu Liebe verzichtete ich auf mein Vorhaben, in Japan zu studieren. Ein paar Monate später wagte ich, sie wieder zu fragen: „Mutter, ich möchte gern im Ausland studieren, vielleicht in Europa.“ Zögernd gab sie mir diesmal ihre Zustimmung.
Ohne die Zustimmung meiner Mutter lief nichts bei uns in der Familie. Sie gab immer das letzte Wort. Mein Vater war eine ruhige, bescheidene, arbeitsame Person. Einmal war die Mutter wütend auf meinen Vater. Ich kannte nicht den wahren Grund des Streits. Hilflos sagte mein Vater zu ihr: „Ich bin wie Wasser in deinen Händen. Du kannst mich trinken oder mich auch fürs Waschen benutzen. Du kannst mich auch wegkippen. Mein Schicksal liegt bei dir. Ich habe niemanden außer dir. Bitte kipp mich nicht weg. Ohne Boden, ohne Behälter werde ich ins Erdreich rein fließen. Lass mich in deinen Hände bleiben.“ Meine Mutter sah uns an und legte aus Verlegen ihren Zorn bei. Sie sagte später lächelnd: „Ich habe es mit dem Rauswurf eures Vaters nicht ernst gemeint.“ Trotzdem bekam der Vater einen großen Schreck, fand ich.
In Myanmar zogen die Männer nach der Hochzeit bei den großen Familien der Ehefrauen ein. Auf dem Lande leben mehrere Generationen unter einem Dach zusammen. Die Eltern bleiben bei den Töchtern. Der Schwiegersohn zieht in die Familie ein. Somit erzieht man nicht nur eine weitere junge, frische Arbeitskraft und einen Verwalter für Grund und Boden, sondern zugleich den Beschützer für die Familie. Die jungen Ehepaare besitzen gemeinsame Güter. Die Frauen sorgen für die Kindererziehung sowie für die Geldausgaben und -einnahmen der Familien. So tat es meine Mutter auch bei uns.
Am Abend des Wiedersehens hielten wir uns auf der Veranda des Hauses auf. Ich fragte meine Mutter: „Mutter, sehen Sie mich genau an. Haben Sie mich sofort erkannt?“ Sie antwortete: „Natürlich, du bist der schönste und liebste unter meinen Söhnen. Wie kann ich dich vergessen.“ Mein jüngerer Bruder sagte im Spaß zu ihr: „Wieso denn? Ich bin nicht schön! Wir sind doch nur zwei Söhne, oder?“ Prompt erwiderte sie: „Nein, 6 Söhne.“ Mein Vater erzählte mir verbittert: „Deine Mutter denkt täglich nicht nur an dich, auch an ihre im Kindesalter verstorbenen 4 Söhne." Das schmerzhafteste für sie war, dass sie bei der Beisetzung ihrer Söhne nicht dabei sein durfte und einen letzten Abschied für immer verpassen musste. Nach unseren Sitten dürfen wir, die Eltern, an der Beerdigung unserer Kinder nicht teilnehmen. Weil die Kinder früher als die Eltern starben, glaubt man, dass die Teilnahme der Eltern die Seele des verstorbenen Kindes unruhig machen würde. Nach deiner Ausreise hatten deine beiden Schwester 4 Söhne zur Welt gebracht. Es ist ein
Trost für deine Mutter, dass wir 4 Enkel haben. Sie hat alle Jungs tags und nachts betreut, groß gezogen und viel Zeit mit ihnen verbracht. Großmutter übernimmt die Kinderbetreuung. Es ist unsere Sitten. Deine Mutter glaubt bei ihnen an die Wiedergeburt ihrer verstorbenen Söhne. Das ist unser buddhistischer Glaube. Das ist auch gut so für sie. Deine Mutter ist eine tapfere Person. Sie riskierte alles für uns, für die Familie. Im zweiten Weltkrieg waren wir für 3 Jahre unter japanischer Besatzung. Viele jungen Männer und jungen Frauen aus unserem Dorf vermieden es, den japanischen Soldaten zu begegnen. Monatelang versteckten sie sich in den Berghöhlen vor dem Angriff der japanischen Armee. Frauen hatten Angst vor Vergewaltigung durch die Nippon-Soldaten. Die Männer hatten Angst davor, als Zwangskurier verschleppt zu werden oder getötet zu werden, wenn die Soldaten sie für Kollaborateure der Widerstandsarmee (Burma Independent Army) des Untergrunds hielten. Ich und deine Mutter waren auch unter den sich Versteckenden. Wir
mussten unsere drei kleinen Mädchen allein bei der Großmutter zurücklassen. Du warst noch nicht geboren. Deine Mutter besuchte in der Nacht heimlich unsere Mädchen und brachte mir auf dem Rückweg Essen mit. Sie ließ mich nicht mitgehen und sagte mir: „Wenn du von Soldaten erwischt wird, bist du sicherlich ein toter Mann. Du musst am Leben bleiben. Unsere Mädchen sind noch klein. Du musst die ganze Familie durch deine Arbeit und deinen Fleiß ernähren. Ohne dich wird unsere Familie in den Abgrund reinfallen. Wenn ich erwischt werde, werden sie mich nicht töten. Im schlimmsten Fall wäre….......... Ich nehme das Risiko auf mich. Meine Kinder sind wichtiger. Ich möchte sie mindestens jeden 2. Tag sehen.“ Ich war immer traurig, wenn ich sie allein gehen lassen musste. Der Fußweg nachhause dauerte ca. 2 Stunden. Sie blieb über Nacht bei unseren kleinen Mädchen und kam früh morgens zurück. Glücklicherweise überstand sie alle Wege unbeschadet. Du erinnerst dich noch an den kleinen Jungen mit heller Haut aus eurer Grundschule.
Alle nannten ihn „Nippon“, weil sein Vater ein japanischer Soldat war. Dabei hatte keiner die
Absicht, ihn zu beleidigen oder zu erniedrigen. Seine Mutter wurde damals von einem Soldaten vergewaltigt. Sie litt an der Scham und war traumatisiert, später ist sie mit dem Sohn aus dem Dorf weggezogen. Keiner konnte ihr damals zur Hilfe kommen, jeder musste um sein eigenes Überleben bangen. Wir waren im Versteck. Deine Mutter und ich haben den Krieg heil überstanden. Wir konnten nach dem monatelangen Verstecken zu unseren Mädchen zurückkehren. Alle waren überglücklich bei unserer Ankunft. Genauso wie damals sind heute alle von deiner Ankunft überglücklich. Du warst für viele Jahre weg, das hat uns große Sorgen bereitet.“ Ich stand schnell auf und verbeugte mich: „Verzeihen Sie mir bitte für das lange Wegbleiben. Die Regierung hatte mir jahrelang die Einreise verwehrt.“ Mein Vater nickte verständnisvoll mit dem Kopf und sagte: „Setz dich wieder. Wir verzeihen dir.“ Ich sah ein kleines Lächeln im Gesicht meiner Mutter. Ihr Lachen war ansteckend. Sie brachte uns in fröhliche Hochstimmung. Wir lachten laut.
Meine Eltern hatten mich vor ihrer ewigen Ruhe wiedergesehen. Sie waren höchst erfreut darüber, dass es mir gut ging und ich mich wohl befand. Meine Mutter starb mit 92 Jahren. Ein Jahr später starb mein Vater mit 94. Vor ihrem Tod sprachen sie ihren Wunsch: „Wir benötigen keinen Grabstein. Auch wenn ihr einen für vorübergehend benötigt, wünschen wir ihn später abzureißen. Wir wollen kein Stück Land für uns besetzen. Das Land/Erde gehört uns allen.“ Als sie starben, war ich wieder in Deutschland. Ich konnte ihre Beisetzung nicht teilnehmen. Meine Geschwistern hatten zwei Grabsteine nebeneinander errichtet und behielten sie bis dahin, als ich 1998 wieder kam. Ich konnte ein Blumenbeet vor den Grabsteinen anlegen und ihnen meine letzte Ehre erweisen. Wir, ihre Kinder und Enkel, danken ihnen für ihre Liebe und Fürsorge und denken ewig an sie.
Unsere Eltern bleiben bei uns in lebendiger Erinnerung.
Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt, wie Bertolt Brecht(1898-1956) schrieb.